Von Bienen und Bomben: Der Atari ST 

Die Geschichte des Atari ST beginnt im Grunde im Januar 1984. Zu diesem Zeitpunkt stritt sich der Commodore-Gründer Jack Tramiel mit dem Mitinhaber Irving Gould über die Zukunft des Unternehmens – Tramiel wollte kurz nach der Premiere des Apple Macintosh unbedingt einen 32-Bit-Computer auf den Markt bringen, Gould hielt am Commodore 64 fest –, woraufhin Tramiel samt seinen Söhnen die Firma verließ. Shiraz Shivji, Gregg Pratt und etliche andere folgten ihm wenige Wochen später zu seiner neuen Firma Tramel Technologies Ltd., absichtlich ohne „i“, um auf die korrekte Aussprache seines Familiennamens hinzuweisen. Bei TTL wurde im April mit der Entwicklung eines neuen Rechners begonnen, der zu Beginn noch schlicht RBP (für „Rock Bottom Price“, also in etwa „niedrigster Preis“) hieß. Anfangs war noch nicht klar, ob der 1984 vorgestellte National Semiconductor NS32032 oder der bereits seit 1979 erhältliche Motorola 68000 als Prozessor zum Einsatz kommt, nach den Lieferschwierigkeiten des ersteren entschied man sich dann für den 68000.

Als TTL dann im Juli 1984 die Consumersparte Ataris von Warner Communications übernahm, war man mit dem RBP schon ein Stück weit gekommen. Innerhalb der nächsten fünf Monate wurde aus dem RBP der Atari ST (ST für „Sixteen/Thirtytwo“, nach dem externen 16- und internen 32-Bit-Datenbus des 68000). Im Januar 1985 wurden der 130 ST und der 520 ST auf der Winter Consumer Electronics Show in Las Vegas erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein halbes Jahr später konnte man in einigen Läden in den Vereinigten Staaten den von der Fachpresse scherzhaft „Jackintosh“ getauften 520 ST kaufen, der 130 ST wurde wegen seines für zu gering befundenen Arbeitsspeichers ersatzlos gestrichen. Ab September 1985 war der ST dann im ganzen Land zu haben.

Schon wenig später legte Atari mit dem 1040 ST nach, der über ein integriertes Diskettenlaufwerk und ein eingebautes Netzteil sowie ein Megabyte Arbeitsspeicher verfügte. Der 2080 ST und der 4160 ST scheiterten am noch sehr hohen Speicherpreis. Fortan gelang dem ST trotz wachsender Konkurrenz durch den Commodore Amiga der Einzug vor allem in Tonstudios, Schulen und Büros, aber auch zu Hause. In den 80er und 90er Jahren arbeiteten zahlreiche Bands aus allen Genres mit dem ST, darunter Queen, Fleetwood Mac, die Schürzenjäger, Madonna, Jean Michel Jarre, BAP und Depeche Mode – um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Hauptabnehmermarkt war Europa, der Umsatz hier machte drei Viertel des Gesamtumsatzes des ST aus. Von den europäischen Märkten war der (west)deutsche der bei weitem stärkste. 1987 kam der semiprofessionelle Mega ST auf den Markt, der sich vor allem durch eine wesentlich verbesserte Tastatur sowie eine Erweiterungsmöglichkeit auszeichnete. Zusammen mit dem Laserdrucker SLM 804 wurde dieser dann als Desktop Publishing Set angeboten, ein weiterer Markt, in dem der ST seine Stärken hatte. Bis zum Erscheinen verbesserter Amiga-Modelle und der ersten x86-Computer mit Windows als Benutzeroberfläche hatte der ST das Niedrigpreissegment voll im Griff, während der Macintosh die Oberklasse bediente.

Ab 1989 verlor Atari dann etwas den Anschluss an aktuelle Entwicklungen. Zwar wurde der 1040 ST nochmals verbessert und als 1040 STE auf den Markt gebracht, und auch Nischenprodukte wie das Laptop Stacy oder der Transputer ATW 800 erschienen, aber der Amiga und die x86-Computer legten mächtig zu und ließen den ST gerade in Sachen Grafik und Sound bald hinter sich. Das 1990 erschienene Flaggschiff TT folgte mit einem Einführungspreis jenseits der 7000 DM nicht dem Firmenslogan „Power Without the Price“, daran konnte auch die drastische Preissenkung im darauffolgenden Jahr, in der die Basisvariante bereits ab 2.500 DM zu haben war, nur wenig ändern. Der Mega STE von 1991 war ein weiterer, aber nur noch halbherziger Versuch, den ST auf dem Markt zu behaupten. Als dann 1992 der Falcon 030 die Runde machte, hätte Atari das Ruder nochmal herumreißen können. Leider machte man im Marketing mit der Verschwiegenheit schwerwiegende Fehler und das altbackene ST-Gehäuse des Falcon lud trotz aller hervorragender technischer Daten auch nicht gerade zum Kauf ein. Weitere vielversprechende Projekte wie die Microbox, der Falcon 040 oder der Painter fielen dann schließlich dem Rückzug Ataris vom Computermarkt Ende 1993 zum Opfer. Die Verkaufszahlen sprechen da deutliche Bände: Während man vom ST (520 ST, 1040 ST und Mega ST samt Nebenmodellen) etwa sechs Millionen Stück verkaufen konnte, lagen die Absatzzahlen des Falcon bei gerade einmal 14.000, davon allein 7.000 in Deutschland.

In der Geschichte des ST tauchen auch immer mal wieder Produkte auf, die ihrer Zeit weit voraus waren oder die Entwicklung in eine bestimmte Richtung mit angestoßen haben. Zu nennen wären da unter anderem das Ultraleicht-Notebook ST Book, ein Tablet namens ST Pad oder Stylus, der Laserdrucker ohne eigenen Arbeitsspeicher oder bereits im Jahr 1985 das CD-ROM-Laufwerk CDAR 504. Die Spielkonsolen Panther und Jaguar basieren in wesentlichen Punkten ebenfalls auf dem ST. Und das Design der Microbox 040 wurde 2000 von Sony für die Spielkonsole PlayStation 2 übernommen, was auch in den Patentanmerkungen nachzulesen ist.

Nach dem Ausstieg Ataris verfolgten dann andere Firmen das Ziel, TOS-kompatible Computer auf den Markt zu bringen. Zu erwähnen sind hier vor allem C-LAB MK II, Eagle, Medusa, Hades und Milan, die alle Mitte bis Ende der 1990er Jahre in geringen Stückzahlen verkauft wurden. Bis heute hat der ST eine große und treue Fangemeinde.

Und warum nun „Bienen und Bomben“? Ganz einfach:

Biene Das „Busy“-Symbol, vergleichbar mit der bekannten Sanduhr unter Windows, ist eine Biene. Ist sie zu sehen, ist keine andere Aktion am Computer möglich.

Bombe Bomben benutzt der ST, um schwerwiegende Fehler anzuzeigen – dabei kann die Anzahl der dargestellten Sprengkörper helfen, die Ursache ausfindig zu machen.

Pilz Die allererste TOS-Version vom Juni 1985 zeigt übrigens statt der Bomben noch kleine Atompilze bei schwerwiegenden Fehlern. Mit TOS 1.00 vom November 1985 wurden dann die Bomben eingeführt.
Letzte Bearbeitung: 20. Oktober 2015